Trump’s Wahlsieg nicht bejammern, sondern begreifen

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Wenn diese Diskussion nicht endlich umfassend und transparent geführt wird, gibt es auch für uns in gut einem Jahr

am Wahltag ein böses Erwachen:

Trumps Erfolg gewährt tiefe Einblicke in die digitale Matrix

Karl-Heinz Land Insider
Digital Darwinist und Gründer, Neuland GmbH & Co. KG

09.11.16

In der Digitalen Transformation macht Unsicherheit anfällig für Populisten. Die Meinungsbildung in Sozialen Netzwerken entzieht sich den Prognosen. Deutschland braucht nun eine Debatte über eine Vision für die digitale Zeit.

Es ist eine Explosion von schier ungeheurer Kraft, die sich mit der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsenten ereignet hat. Die Hilflosen, die Verunsicherten haben sich von dem Populisten anstecken und radikalisieren lassen. Die weißen, alten Männer der amerikanischen Mittelschicht – das ist die Kernwählerschaft Trumps – begreifen überhaupt nicht, dass sie sich mit ihrer Wahlentscheidung freiwillig auf die Schlachtbank eines Demagogen gelegt haben. Ihre Angst, dass sich der „American Dream“ für sie längst in einen „American Nightmare“ des sozialen Abstiegs verwandelt hat, trieb sie in Trumps Arme. Sie glauben, mit dem Votum gegen Hillary Clinton auch gegen das Polit- und Wirtschaftsestablishment gestimmt zu haben, dem sie die Schuld an ihrem eigenen Dilemma geben. „Wenn ich untergehe, geht ihr mit uns unter“, ist die Botschaft, die die Trump-Wähler senden. Paradox, denn gerade Trump gilt als besonders rücksichtsloser Unternehmer.

Warum also konnte Trump die Unzufriedenen so hinter sich vereinen? Warum haben ihm seine menschenverachtenden Ausfälle gegen Frauen, Flüchtlinge, Minderheiten, Staatschefs und Religionen nicht geschadet? Weil er die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke besser verstanden hat als jeder andere. Vor allem auf Twitter hat er mit einfachen, klaren Botschaften Sicherheitsseile ausgeworfen, nach denen seine Wähler fast verzweifelt gegriffen haben. In den „Filterbubbles“, die sich auf Facebook oder Twitter zwangsläufig bilden, konnte seine Saat prächtig aufgehen. Diese Blasen entstehen, weil die Algorithmen den Nutzern immer wieder nur Nachrichten einspielen, die ihre eigenen Themen und Meinungen bestätigen. Die Mechanik heißt: „Immer mehr vom immer gleichen“. So entstehen induktive Systeme, in denen sich zusehends Gleichgesinnte zusammenfinden und gegenseitig bestätigen und bestärken. Die Kritik der Vernünftigen an Donald Trump ist in diese Blasen nicht eingedrungen.

Die Meinungsforscher erleiden eine Bruchlandung

Das Besorgniserregende daran: Kaum jemand hat es kommen sehen. Fast alle Meinungsforscher haben bis zuletzt Clinton zur Gewinnerin erkoren und mussten sich nun hochnotpeinlich für ihre Fehleinschätzungen entschuldigen. Dabei ist längst bekannt, was in den sozialen Netzwerken passiert. Kreisende Erregung greift in diesen amorphen Communities um sich und schaukelt sich immer weiter auf. Und niemand kann voraussagen, wo und wann das passieren wird, denn das System ist nicht linear und entzieht sich jeder Prognose. Hier ist die Chaostheorie am Werk. Professor Dr. Peter Kruse, im Jahr 2015 verstorbener Psychologe, hat diese Mechanismen schon vor fünf Jahren in der Enquetekommission „Internet und Digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestags beschrieben. Die deutsche Politik sollte also gewarnt sein: Die sozialen Medien ermöglichen eine kollektive Meinungsbildung außerhalb des öffentlichen Raums. Da hat sich etwas entkoppelt.

Es gibt keinen Grund, jetzt empört mit dem Finger auf die Amerikaner zu zeigen. Platter Populismus ist ein globales Phänomen, das auch im Brexit sowie im erstarkenden populistischen Rechtsextremismus mit dem Front National in Frankreich und mit der AfD in Deutschland zum Ausdruck kommt. In der globalisierten, digitalisierten und immer komplexeren Welt sind viele Menschen wieder empfänglich geworden für einfache Lösungen. Die gibt es zwar gar nicht, aber das zählt in diesem Moment nicht. Grenzen zu. Flüchtlinge raus. Protektionismus. Zurück zu längst überkommenen Wertvorstellungen. Je simpler, desto verfänglicher. Postfaktische Meinungsbildung, oder anders gesagt: Anders gesagt: Die gefühlte Wahrheit entscheidet.

Wir brauchen neue Regeln für ein neues Spiel

Es ist aber nicht zu erkennen, dass in Berlin wirklich verstanden wird, was in den Menschen vor sich geht und wie sie ihre neugewonnene, von den Prozessen des demokratischen Parlamentarismus unabhängige Macht nutzen wollen. Das neue Spiel ist mit den alten Regeln nicht zu gewinnen. Deutlich führt die US-Wahl vor Augen, dass die Menschen nicht gewillt sind, bei der Neuverteilung der Welt tatenlos zuzusehen. Und um nicht weniger geht es in dieser Phase der Digitalisierung.

Die Digitale Transformation ist zur Matrixfunktion für alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse geworden. Die Digitalisierung verändert nichts – nur alles. Sie ist weder gut noch böse. In der aktuellen Phase – der Dematerialisierung – lösen sich immer mehr Produkte auf und verwandeln sich in Software. In der Folge verschwinden die alten Wertschöpfungsmuster, Produktionsstätten und ein großer Teil der Arbeit werden obsolet. Der Zug zur Automatisierung verstärkt diesen Effekt. Damit zerbröselt der soziale Kitt westlicher Staaten und Gesellschaften weiter. Gleichzeitig stellt die Digitalisierung die Mittel bereit, um die Welt lebenswerter und gerechter zu machen. Sie ermöglicht, Ressourcen effizienter zu nutzen und neue Lösungen für einen Planeten zu finden, auf dem in absehbarer Zeit zehn, zwölf Milliarden Menschen leben.

Wir müssen jetzt anfangen, miteinander zu reden

Vielen Menschen jagt die Vielfalt an Optionen in der neuen, digitalen Welt Angst ein. Wenn sie nicht den Populisten überlassen werden sollen, muss das Desaster Trump auch als Weckruf gedeutet werden. Deutschland braucht eine neue Idee, eine positive Vision für die digitale Zeit. Wir müssen endlich umfassend über Deutschland 4.0 reden, und zwar jetzt. Diese Forderung habe ich als Mitbegründer der Initiative Deutschland Digital (IDD) bereits im September in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Entscheidungsträger der Parteien gerichtet.

Wenn diese Diskussion nicht endlich umfassend und transparent geführt wird, gibt es auch für uns in gut einem Jahr am Wahltag ein böses Erwachen.

OFFENER BRIEF AN DIE POLITIK: DIGITALE ZUKUNFTSFÄHIGKEIT NEU VERHANDELN

 

Der Standort Deutschland droht in der Digitalen Transformation weiter zurückzufallen. In einem Offenen Brief fordert die Initiative Deutschland Digital (IDD) deshalb Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Amts- und Mandatsträger der Parteien auf, die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft mit höherer Priorität und entschiedener als bisher voranzutreiben.

Die ökonomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen verändern sich in der Digitalen Transformation schnell und radikal. Jetzt gelangen digitale Technologien zur Marktreife, die noch vor wenigen Jahren als Zukunftsmusik galten. Kognitive Computersysteme, eine neue Generation von Robotern und das Internet der Dinge sind dafür prägnante Beispiele. „In der Folge vollzieht sich in vielen Bereichen der Wirtschaft und des Lebens der Dreisprung der Digitalisierung: Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Alles, was vernetzt werden kann, wird vernetzt. Und alles, was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert”, erklärt Karl-Heinz Land, Sprecher der Initiative Deutschland Digital (IDD).

Wissenschaftler der Universität Oxford sowie das World Economic Forum (WEF) sagen den Verlust von 40 bis 50 Prozent der Arbeitsplätze voraus. Ein Szenario, das in den nächsten zehn, 20 Jahren Wirklichkeit werden kann. Arbeit geht dabei nicht nur durch die fortschreitende Automatisierung verloren, sondern auch, weil sich immer mehr Produkte in Software, in Apps verwandeln. In dieser „Dematerialisierung“ brechen ganze Wertschöpfungsketten mit ihren Fabriken, Maschinen und Vermarktungseinheiten weg.

Wie sieht Deutschland dann aus? Das ist eine Frage, die im politischen Tagesgeschäft untergeht und absehbar auch im Bundestagswahlkampf 2017 keine große Rolle spielen wird. Das ist fatal, denn es stellen sich zwei große Aufgaben: Wir müssen die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erhalten und gleichzeitig das soziale und gesellschaftliche Miteinander neu gestalten“, sagt Land weiter. Die Exporterfolge, der hohe Beschäftigungsstand und die wirtschaftliche Prosperität suggerierten eine trügerische Sicherheit. Deutschlands Fallhöhe sei immens. Gleichzeitig bieten sich große Chancen, mit Deutschland 4.0 eine Erfolgsstory zu schreiben. Land: „Wenn wir eine Wirtschaft 4.0, Bildung 4.0 und Gesundheit 4.0 möchten, muss die digitale Zukunftsfähigkeit Deutschlands neu verhandelt werden – und zwar jetzt.”

Die Initiative Deutschland Digital fordert die Politik deshalb auf,

eine Task Force ins Leben zu rufen, die eine Vision für ein digitalisiertes Deutschland entwickelt,

ein strategisches Investitionsprogramm auf den Weg zu bringen, das den technologischen Wandel treibt und forciert – für intelligente Städte, autonomes Fahren, Robotertechnik und weitere strategische Innovationsfelder,

die Aufklärung über Chancen und Risiken der Digitalisierung im Mittelstand zu intensivieren,

den Ausbau der digitalen Infrastruktur und insbesondere eines durchgängig gigabitfähigen Breitbandnetzes schneller und umfassender als bislang voranzutreiben,

die Förderung und die Finanzierung von Start-ups noch einmal deutlich zu erhöhen und

ein bedingungsloses Grundeinkommen und die Besteuerung der Maschinenleistung als Option für eine Gesellschaft ohne Arbeit zu prüfen.

Der Offene Brief wird ab heute (29.9.) in der Zeitschrift „zeitschmelze – das Magazin für die Digitale Wirtschaft“ veröffentlicht. Sie erscheint in einer Auflage von 500.000 Stück und liegt in den kommenden Wochen führenden deutschen Wirtschaftstiteln bei.